Fokussieren · Gedanken · Gefühle · Mindset · Motivation · Persönliches · step 1 · step by step · Stimmung · Trauer · Verlust

step 1

Schritt 1:

Den Gefühlen freien Lauf lassen

Wie einfach das doch klingt. Den Gefühlen freien Lauf lassen. Was meine ich damit?

Nach der Trennung – oder eher nach dieser Situation, diese eine Sekunde, wo das Herz in einer Millisekunde zerbricht und deine Welt gleich hinterher – war ich geschockt und in Starre. Ich konnte es einfach nicht glauben und wahrhaben. Ich habe in dem Moment nichts gefühlt. Ihr müsst wissen, dass mit mir per WhatsApp Schluss gemacht wurde und ich demnach noch nicht die Möglichkeit hatte, mit der Person zu sprechen. Ich fuhr natürlich direkt hin und packte meine Sachen in der Wohnung zusammen, stellte die Person zur Rede – immer noch in Starre. Ich wurde zunehmend wütender, erst recht, als ich die Person sah. Wut ist die erste Empfindung, die man spürt.

Nach der Konfrontation mit ihm, die ziemlich ernüchternd war, – alleine in meinem Auto – änderte sich meine Gefühlslage immer noch nicht. Ich war starr vor Wut. Konnte es immer noch nicht glauben und fuhr zu meinen Eltern, wo ich demnächst wohl wohnen würde. Vorher schickte ich meiner Schwester und Freunden Screenshots von diesem erniedrigendem Schlussmachen. Alle waren sprachlos.

Erst als ich bei meinen Eltern ankam, an meiner Mutter vorbeilief und mich auf der Couch niederließ, überraschten mich meine Tränen. Und sie liefen und liefen. Meine Welt war von heute auf morgen zerstört worden.

Von Wut zu Trauer.

Ich realisierte den Verlust. Und es ist Wahnsinn, woran man alles denken muss. 
Zum Beispiel daran, wie alles anfing. Wie schön es war. Wie schön alle Erlebnisse gewesen sind und wie schön diese – von nun an – Vergangenheit waren. Man möchte aus dieser Vergangenheit in einer solchen Situation nicht raus. Man möchte diese schöne Zone nicht verlassen.

Man realisiert aber, dass man es muss.

Und dann denkt man automatisch an die Zukunft. Was hatte man nicht noch alles zusammen geplant? Was wollte man alles zusammen erleben? Worauf hatte man sich gefreut? 
In einer solchen Situation – Verlust jeder Art – denkt man zuerst an das Schöne und dann an das, was noch kommen sollte. Dein Alltag verändert sich von einer Sekunde auf die andere. 
Dein heute ist anders, dein morgen ist anders und dein nächste Woche ist anders. 
Man hinterfragt sich selbst, hinterfragt das Geschehene und zerpflückt alles Erlebte und jeden Gedanken automatisch in tausend Teile. Man zweifelt sogar an sich selbst. Hätte ich etwas anders tun können? Hätte ich etwas beitragen können, damit es nicht so gekommen wäre? Hätte ich es verhindern können? Und genau das sind die Dinge, die man nicht tun sollte. Dazu später mehr.

Gefühle sind vollkommen normal. Es ist jedoch sehr wichtig, dass man diese auch zulässt. Du solltest deine Gefühle nicht unterdrücken. Niemals. Lass es raus.

Wenn du wütend bist – schreie oder schlag auf ein Kissen ein. 
Wenn du traurig bist – weine.
Wenn du verzweifelt bist – rolle dich in Embryo-Stellung auf dein Bett.
Wenn du deprimiert bist – liege einfach nur da. 
Wenn du verwirrt bist – sprich dich einfach aus.

Lass deine Gefühle zu! Gefühle sind menschlich. Egal in welcher Situation. 
Wenn dir etwas widerfährt, sind deine Gefühle sehr wichtig. Höre auf sie. Akzeptiere sie. Denke nicht darüber nach, was andere von dir halten oder denken könnten. Andere empfinden nämlich nicht das, was du empfindest. Andere haben nicht das durchlebt, was du durchlebt hast. Andere können dich zwar verstehen, sie werden jedoch nie 1:1 die gleiche Situation erleben wie du. Und das ist auch gut so.

Deine Gefühle gehören nur dir. Ganz individuell.

Schritt 1: Lasse deinen Gefühlen freien Lauf.

Es ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich, wie lange der Prozess des Auslassens von Gefühlen dauert. Und das ist okay. Das ist vollkommen in Ordnung. Egal was Andere dir einreden wollen. Sie werden dir immer diese Dinge einreden, die du selbst in der Situation gar nicht hören möchtest. Die du noch gar nicht aufnehmen kannst und möchtest, weil du einfach an den Verlust denkst. Weil du einfach an das Negative denken kannst. 
Wie oft habe ich unmittelbar nach der Trennung gehört „Das wird schon wieder“, „Alles wird gut“, „Was ein Arsch“, „Du hast besseres verdient“, „Du bist besser ohne ihn dran“ oder mein Favorit – „Kopf hoch! Andere Mütter haben auch schöne Söhne!“.
Natürlich wollte mir nie jemand was böses, aber gerade das sind Dinge, die man nicht aufnehmen kann, wenn einem das Herz gebrochen wurde. 
Ich wollte einfach nur alles vergessen, am besten so schnell wie es nur geht, aber dazu war ich lange nicht bereit. Ich wollte einfach nur weinen. Ich war verletzt und enttäuscht und habe mich hintergangen gefühlt.

Akzeptiere deine Gefühle. 
Stelle sie dir vor wie Freunde, die in deinem Kopf Hallo sagen. Grüß zurück. 
Weise sie nicht ab. Ich weiß, dass man nicht immer fühlen möchte, aber dagegen kannst du nichts tun. Wieso solltest du deine Gefühle ablehnen wollen, dir selber Stress und Druck machen, wenn sie dich sowieso erreichen werden? Gerade dann, wenn es so frisch ist.

An dem Tag der Trennung habe ich überwiegend geweint. 
Am nächsten Tag musste ich meinen Umzug schlagartig neu managen, denn eigentlich wollte ich zu ihm ziehen. 
In so Momenten ist es daher umso wichtiger, dass du die Kontrolle ablegst und andere für dich Handeln lässt, denn du bist dann nicht mehr zurechnungsfähig. Freunde oder Familie können dann den Alltag für dich managen. Hilfe anzunehmen ist ebenfalls vollkommen okay.
Ich hatte zum Glück meine Schwester, die mir sehr geholfen hat und kurzfristig einen Transporter besorgen konnte. Sie hat natürlich bemerkt wie es mir ging und es selbst in die Hand genommen. Hätte sie das nicht getan, hätte ich sie darum gebeten. 
Ich war einfach nicht ich selbst. Ich wurde von meiner Trauer komplett eingenommen. Von meinem Verlust. Ich konnte an nichts anderes mehr denken. 
Während wir die Kartons und Möbel hoch und runter schleppten, sagte meine Trauer erneut Hallo und ich grüßte zurück. Ich weinte, während ich schleppte. Ich nahm mir auch mal die Zeit, ganz allein zu sein und zu weinen, während meine Helfer weitermachten. Und es war vollkommen okay.
Ich ließ die Trauer zu und unterdrückte diese nicht.

Lassen wir Gefühle nicht zu, bedrückt es uns tagelang, bis wir es tun müssen. Danach fühlt man sich leichter. Es ist angenehmer.

Denkst du dir auch manchmal du würdest andere mit deinen Erzählungen nerven, wenn du diese sogar mal wiederholst? Solltest du nicht. 
Gefühle lassen sich nur schwer in Worte packen. Das meiste, das wir dann erzählen, sind keine Definitionen über unsere Gefühlslage, sondern viel mehr die ganzen Erinnerungen, Hoffnungen und Träume, die wir hatten. Das alles bildet sich in deinem Kopf ab. Es ist wie ein Film, den du dir immer und immer wieder ansiehst. Er läuft permanent in dir ab.
Gedanken, die in dir kreisen, müssen demnach natürlich auch mal raus. Gerade in der Anfangszeit kann man von nichts anderem mehr erzählen. Und je mehr aus dir rauskommt, desto besser. 
Nicht nur deine Gefühle, auch deine Gedanken. Erzähl es. Schäme dich nicht. 
Wenn du denkst, du hast niemanden mehr auf der Welt, wegen des Verlustes einer Person, schau dir die Situation mal ganz objektiv betrachtet an. Aus einer anderen Perspektive. Zum Beispiel so, als würdest du dein Leben von oben beobachten. 
Und nun stelle dir die Frage: Wer ist tatsächlich für mich da? Wer erkundigt sich nach meinem Wohlergehen? Wer hat mich in den Arm genommen? Wer hört aufrichtig zu? Wer interessiert sich wirklich für mich? 
Und wenn du Menschen entdeckt hast – Familie oder Freunde – dann fokussiere dich genau auf diese. Auf die kannst du nämlich zählen, keine Frage. 
Ebenfalls kann das auch in sozialen Netzwerken geschehen. Twitter, Facebook, Instagram, was auch immer. Wer ist da? Wer schreibt dir eine nette Nachricht? Wer bietet dir seine Hilfe an oder ein offenes Ohr?

Manchmal denken wir durch den Verlust einer Person ist niemand mehr da. Dabei irren wir uns. Natürlich hat uns eine bedeutende Person verlassen, eine Person, die wir gemocht, verehrt oder geliebt haben. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Rest auch weg ist. Distanziere dich daher nicht von ihnen. Am Anfang braucht man viel Aufmerksamkeit und Zuspruch. Man benötigt die Gespräche zu anderen Personen, damit du alles loswerden kannst, was dich bedrückt.
Und seien wir ehrlich – in genau solchen Momenten trennt sich die Spreu vom Weizen. Du erkennst wer deine wahren Freunde sind. Du erkennst, wer wirklich für dich da ist.

Manchmal findest du Ablenkung in gewissen Handlungen. Ablenkung ist keine Art der Unterdrückung, sofern du diese Ablenkung nicht erzwingst.
Meine Ablenkung war nach dem Umzug meine Hausarbeit fertigzustellen – innerhalb von zwei Tagen. Ich musste mich oft zusammenreißen, mich stark konzentrieren und mich auf die wichtigen Dinge fokussieren. Das hat mir sehr geholfen.
Und wie verdammt stolz ich war, als ich es pünktlich zur Frist geschafft habe. Trotz Trauer
Was ich damit sagen möchte ist, dass es nichts bringt, sich komplett von seinen Gefühlen einnehmen zu lassen. Hätte ich das damals getan, hätte ich die Hausarbeit nie schreiben können. Ich hätte meine letzte Prüfungsleistung nicht erbringen können und ich hätte es mir Wochen später vorgeworfen, weil sich dadurch in meinem Studium alles verschoben hätte.
Ich war nie davon überzeugt, dass ich diese Hausarbeit wirklich pünktlich hochladen würde. Ich habe mir die Frage gestellt, was der Mehrwert wäre, meinen Alltag weiterzuleben und das zu tun, was sowieso erledigt werden musste. Und ich war ehrlich gesagt sehr froh, dass ich so schnell (3 Tage nach der Trennung) eine kleine Herausforderung hatte um mich selbst zu testen. Ich fokussierte mich das erste mal nicht mehr bloß auf die Trauer, sondern ließ Ablenkungen zu, die mir einen Mehrwert versprachen.

Wenn wir uns die Trauer also wieder wie einen Freund vorstellen, meine ich das auch ganz bildlich gesehen so. Bedanke dich bei der Trauer für ihren Besuch und sage ihr, dass du nun andere Dinge vorhast, die du nicht vor dir herschieben kannst. Die Trauer wird Verständnis für dich haben und gehen, was nicht bedeutet, dass sie dich nicht mehr besuchen wird. 
Gehe liebevoll mit deinen Gefühlen um. Behandle sie wie Freunde. Deine Freunde würdest du doch auch nicht ungeduldig und genervt wegschicken wollen, oder? 
Deine Gefühle sind ein Teil von dir. Die Art wie du mit ihnen umgehst, wirkt sich automatisch auf dein Wohlbefinden aus.

Fokussieren ist das Wichtigste im Mindset. 
Du kannst deine Gedanken und Gefühle zulassen und dich dennoch fokussieren. Die Kombination macht’s.

Fassen wir erneut zusammen: Gefühle zulassen und diese akzeptieren, wie einen Freund, der Hallo sagt

Das ist der 1. Schritt.

Nach anderthalb Wochen hatte ich nicht mehr das Bedürfnis zu weinen. 
Ich hatte mit meinem Freund – der Trauer – viel Zeit verbracht und kein Bedürfnis mehr gehabt, mit ihr zu sprechen. In der Zeit habe ich ebenfalls erkannt, auf wen ich zählen kann. Und ich bin so froh, dass ich diese Menschen habe. Ich versuche nun, so viel Zeit wie nur möglich mit ihnen zu verbringen. Und glaubt mir – viele sind nicht übrig geblieben. 
Aber die Richtigen.

Zu diesem 1. Schritt fällt mir auch ein ganz gutes Zitat ein:

„Wenn du in deinem Leben nicht teilst, was dich so sehr verletzt hat, wirst du auf Menschen bluten, die dich nicht geschnitten haben.“ – Tobias Beck

2 Kommentare zu „step 1

  1. Hut ab und Respekt!
    Du gehst das außergewöhnlich stark an.

    Deine Story erinnert mich sehr an meine. Besonders in den Zeilen, als es um Deinen Auszug ging, hatte ich auch wieder vergangene Bilder im Kopf. Ich kenne erst zwei Artikel von Dir (Step 1 und 2), aber das ist schon mal der perfekte Einstieg, um Dir direkt zu folgen. 😉

    Ich wünsche Dir das Beste und bin schon gespannt auf alles Weitere von Dir!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s